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Schutz muss eingebaut sein

Niemand käme auf die Idee, eine Treppe ohne Geländer zu bauen und die Sicherheit der Kinder den Erwachsenen zu überlassen. Bei digitalen Plattformen müssen Eltern viele Schutzvorkehrungen dagegen erst selbst einrichten. Videos starten von allein, und beim Scrollen gibt es keinen natürlichen Schlusspunkt. Benachrichtigungen holen junge Nutzerinnen und Nutzer immer wieder zurück. Vieles, was ihre Aufmerksamkeit möglichst lange festhält, ist voreingestellt.

Das Kräfteverhältnis dahinter ist offensichtlich: Kinder und Jugendliche treffen auf Systeme, die mit großem technischem Aufwand programmiert werden und fortlaufend auswerten, welche Inhalte sie länger auf der Plattform halten. Ihnen allein die Verantwortung für einen vernünftigen Umgang zu überlassen, greift zu kurz.

Wie ernst das Problem ist, zeigt eine große Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation. 2022 wiesen elf Prozent der befragten Jugendlichen Anzeichen einer problematischen Social-Media-Nutzung auf. Dazu zählen Kontrollverlust und negative Folgen für den Alltag. Mädchen waren häufiger betroffen als Jungen. Soziale Netzwerke ermöglichen zugleich Austausch, vermitteln Wissen und eröffnen kreative Möglichkeiten. Kinder sollen diese Chancen wahrnehmen können, ohne dass ihre Unerfahrenheit zum Geschäftsmodell wird.

In dieser Woche haben wir im Europäischen Parlament über einen Bericht zu den Auswirkungen sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche abgestimmt. Er nimmt die Anbieter stärker in die Verantwortung und folgt damit einem Grundsatz, für den ich mich seit Langem einsetze: Wer digitale Angebote gestaltet, die von Kindern genutzt werden, muss ihren Schutz von Anfang an mitplanen.

Für Konten von Minderjährigen sollten automatisch die strengsten Privatsphäre-Einstellungen gelten. Die Wiedergabe des nächsten Videos darf nicht ungefragt beginnen, endloses Scrollen braucht Grenzen, und Benachrichtigungen sollten deutlich reduziert werden. Personalisierte Werbung auf Grundlage von Profiling ist für Minderjährige nach dem Gesetz über digitale Dienste bereits verboten. Diese Vorgabe muss konsequent durchgesetzt werden.

Auch Altersprüfungen können helfen. Dafür brauchen wir Verfahren, die zuverlässig funktionieren und so wenig persönliche Informationen wie möglich verarbeiten. Der Altersnachweis darf nicht dazu führen, dass neue Datenberge über Kinder entstehen.

Medienkompetenz bleibt wichtig. Kinder sollten verstehen, wie Empfehlungsalgorithmen arbeiten, warum ihnen bestimmte Inhalte angezeigt werden und woran sie Manipulation erkennen. Schulen und Familien können das vermitteln. Wie eine Plattform konstruiert ist, liegt jedoch außerhalb ihres Einflusses.

Eltern können Regeln vereinbaren und mit ihren Kindern über Erlebnisse im Netz sprechen. Ein digitales Geländer können sie nicht nachträglich anbauen. Dafür sind diejenigen verantwortlich, die solche Dienste gestalten und daran verdienen.