Sprachenvielfalt in Europa bewahren

Die Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt ist ein wunderbares Alleinstellungsmerkmal der Europäischen Union. Es stärkt den europäischen Zusammenhalt, in dem es Bürger und Bürgerinnen motiviert sich mit dem europäischen Gedanken auseinanderzusetzen und dabei die sprachliche sowie kulturelle Vielfalt der europäischen Mitgliedsstaaten zu erkunden. Gleichzeitig ermöglicht es jedoch auch, die eigene Sprache und Kultur in der EU zu repräsentieren. Daher stehe ich der Diskussion eine EU-weite einheitliche Amtssprache einzuführen kritisch gegenüber und denke, dass dies nicht zielführend für die Förderung einer europäischen Gemeinschaft ist.
 
Die Mehrsprachigkeit sehe ich als eine Stärke der Europäischen Union, die geschützt und respektiert werden sollte. Denn zum einen steht sie symbolisch für den Leitspruch der EU „in Vielfalt geeint“, zum anderen spielt sie bei der Entwicklung des kulturellen Erbes Europas eine maßgebliche Rolle. Dieser Gedanke ist auch in Artikel 22 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union sowie in Artikel 3 des Vertrags über die europäische Union verankert. Ich unterstütze den Anspruch, dass auch Bürger und Bürgerinnen, die weniger sprachbeflissen und kulturaffin sind, sich über Europa relevante Themen informieren und austauschen können sollten. Gerade deswegen denke ich, dass es wichtig ist, alle Amtssprachen gleichwertig zu behandeln, so dass auch weiterhin die EU-Regularien und sonstige Rechtsdokumente in allen Sprachen verfügbar sind.
 
Des Weiteren haben EU-Bürger und Bürgerinnen das Recht, die EU-Institutionen in allen Sprachen zu kontaktieren und auch in derselben Sprache eine Rückmeldung zu erhalten. Dies ist besonders relevant für EU-Bürger, die lediglich eine Sprache sprechen. Sie können sich darauf verlassen, dass sie die primären Informationen über politische Strategien der EU nicht nur auf Englisch, sondern auch auf ihrer Landessprache abrufen und gegebenenfalls bei fachspezifischeren Fragen, in ihrer Sprache direkt Kontakt mit den Institutionen aufnehmen können. Die Mehrsprachigkeit steht daher im Einklang mit der Legitimität der EU-Organe, die auf Rechenschaftspflicht, Zugänglichkeit und Transparenz basiert. Des Weiteren haben die EU-Abgeordneten das Recht, während ihrer Arbeit im Parlament in ihrer eigenen Sprache zu sprechen, zuzuhören, zu lesen und zu schreiben. Dadurch wird sichergestellt, dass EU-Abgeordnete keine Linguisten und „Spracheneliten“ sein müssen, sondern, uneingeschränkt von ihren Sprachkenntnissen, als gerechte Vertreter der Bürger und Bürgerinnen amtieren können. Daher bestehen hinsichtlich der Sprachkenntnisse keinerlei Einschränkungen, sich für die EU zu engagieren oder für diese zu arbeiten.
 
Die Dolmetscher und Übersetzer, die in den EU-Institutionen arbeiten, leisten jeden Tag eine eindrucksvolle Arbeit, die von einem Großteil der Abgeordneten inklusive mir selbst sehr geschätzt wird. Durch sie wird zum Beispiel auch ermöglicht, dass jeder Bürger Plenarsitzungen in seiner Muttersprache anhören kann und nicht über das notwendige Englischniveau verfügen muss, um den Debatten folgen zu können. Ich möchte jedoch noch einmal zwei Punkte stärker forcieren, die mir als Sprecherin der EVP-Fraktion im Ausschuss für Kultur und Wirtschaft besonders wichtig sind. In der Mehrsprachigkeit sehe ich einen bedeutenden kulturellen Wert von Europa für seine Bürger und Bürgerinnen. Dabei stelle ich sprachliche und kulturelle Vielfalt nicht gleich, sondern erkenne den Einfluss von Sprache auf die Kultur, die Weltanschauung und den geschichtlicher Hintergrund der einzelnen Mitgliedsstaaten an.
 
Durch eine Beschränkung auf eine EU-weite Amtssprache, die andere Sprachen im interkulturellen Austausch dominieren würde, besteht eine Vernachlässigung dieses durchaus wichtigen Aspekts der interkulturellen Bildung. Gerade weil die Neugierde auf Europa und die verschiedenen Kulturen mit dem Erlernen von Fremdsprachen während der Schulzeit geweckt wird, ist es meiner Meinung nach essentiell Fremdsprachenunterricht weiter zu fördern. Darauf aufbauend halte ich Austauschprogramme und Auslandsaufenthalte als äußerst zielführendende Instrumente um ein starkes, tolerantes und auf gegenseitigen Respekt aufbauendes Europa für die Zukunft zu gestalten.
 
Aufgrund dessen setzt sich die EVP nicht nur für eine deutliche Stärkung der Erasmus+ Programme ein, sondern auch für die Möglichkeit, dass sich 18-Jährige für Interrail Tickets bewerben können. Hier ist das Ziel, dass junge Erwachsene mit diversen Bildungshintergründen nicht nur ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessern können, sondern auch tiefgehende Ebenen der interkulturellen Kommunikation kennenlernen und dabei ein Verständnis und Interesse für die Vielfalt Europas entwickeln. Meines Erachtens sind diese konkreten Maßnahmen daher fundamental, um nationalistisches Denken und EU-Skepsis entgegen zu wirken.
 
Eine intensive Förderung des Erlernens der englischen Sprache ist durchaus erstrebenswert. Englisch als EU-weite Amtssprache zu ernennen, ist meines Erachtens jedoch nicht erforderlich, da Englisch sich als Lingua franca in Wissenschaft und Wirtschaft weltweit etabliert und sich auch in Europa als gängige Arbeitssprache entwickelt hat. Zudem bleibt Englisch, auch nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU, die offizielle Amtssprache der Mitgliedsländer Irland und Malta und wird somit weiterhin Teil des Sprachenportfolios der 24 europäischen Amts- und Arbeitssprachen bleiben. Ich bin allerdings dafür, dass Englisch EU-weit als erste Fremdsprache im Curriculum der Schulen eingeführt wird. Dies zu entscheiden liegt jedoch im Kompetenzbereich der Mitgliedsstaaten.