Wenn Fakten unter Druck geraten
Informationen sind heute jederzeit verfügbar. Was davon verlässlich ist, lässt sich im Alltag jedoch immer schwerer unterscheiden. Begriffe werden bewusst verdreht, Fakten selektiv genutzt, Meinungen und Behauptungen als Tatsachen ausgegeben. Diese Verschiebungen betreffen nicht nur politische Debatten, sondern prägen zunehmend Gespräche im Alltag, in sozialen Netzwerken und in den Medien.
Vor diesem Hintergrund kamen im Europäischen Parlament Vertreterinnen und Vertreter aus Journalismus, Faktenprüfung, Zivilgesellschaft und Politik zusammen, um über eine Frage zu sprechen, die viele derzeit beschäftigt: Wie lässt sich eine faktenbasierte öffentliche Debatte sichern, wenn Informationen gezielt verzerrt, instrumentalisiert oder manipuliert werden?
Die Diskussionen knüpften an Entwicklungen an, die längst über Fachkreise hinausreichen. Begriffe, die zum demokratischen Grundverständnis gehören, werden neu besetzt oder bewusst verdreht. Meinungsfreiheit wird als Schutzschild missbraucht, um Desinformation und gezielte Angriffe auf Personen oder Institutionen zu legitimieren. Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen überprüfbaren Informationen und bloßen Behauptungen. Diese Verschiebungen prägen politische Auseinandersetzungen in Europa ebenso wie den Alltag vieler Bürgerinnen und Bürger.
Ein zentraler Punkt der Gespräche war die Rolle unabhängiger Medien. Journalistisches Arbeiten braucht verlässliche Rahmenbedingungen, geschützte Quellen und Zugang zu Informationen. Nur so können Zusammenhänge erklärt, Entscheidungen eingeordnet und öffentliche Debatten nachvollziehbar geführt werden. Wo diese Voraussetzungen fehlen, gerät demokratische Meinungsbildung unter Druck.
Europa hat darauf reagiert. Mit dem European Media Freedom Act, dem Digital Services Act, der Anti-SLAPP-Regelung und weiteren Maßnahmen wurde ein verbindlicher Rahmen geschaffen, der Medienvielfalt, Transparenz und Verantwortung stärkt. Entscheidend ist nun, dass diese Regeln überall in der Europäischen Union konsequent umgesetzt werden. Gerade der Medienfreiheitsakt stärkt journalistische Arbeit, schützt Quellen und sichert Rechte erstmals klar auf europäischer Ebene ab.
In den Gesprächen wurde zugleich deutlich, dass rechtliche Vorgaben allein nicht ausreichen. Der Umgang mit Informationen betrifft den Alltag vieler Menschen. Kritisches Lesen, das Prüfen von Quellen und ein bewusster Umgang mit digitalen Angeboten lassen sich nicht verordnen. Sie müssen erlernt, eingeübt und durch passende Bildungsangebote unterstützt werden – für unterschiedliche Altersgruppen und Lebensrealitäten.
Als Erste Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und Vorsitzende der Arbeitsgruppe des Präsidiums für Kommunikation, Outreach und Forschung war mir dieser Zusammenhang besonders wichtig. Das Parlament versteht sich als offener Ort für Journalistinnen, Faktenprüfer und Medienschaffende. Transparenz, Zugänglichkeit und die enge Zusammenarbeit mit nationalen Medien sind Teil dieses Selbstverständnisses und prägen die tägliche Arbeit der Institution.
Die Konferenz hat gezeigt, wie viel Fachwissen, Engagement und Bereitschaft zur Zusammenarbeit in Europa vorhanden sind. Sie hat zugleich deutlich gemacht, dass eine faktenbasierte Öffentlichkeit kontinuierliche Aufmerksamkeit erfordert. Demokratie lebt davon, dass Informationen überprüfbar bleiben, Vielfalt sichtbar ist und Verantwortung eingefordert wird. Das gilt für politische Entscheidungsräume ebenso wie für digitale Plattformen.
