Was bleibt, wenn alles zurückbleibt?
Was nimmt man mit, wenn ein ganzes Leben plötzlich in einen Koffer passen muss? Oder wenn am Ende nur ein kleines Glas mit Erde bleibt.
Valentyna ist alt, erschöpft, unterwegs durch einen Flughafen in London. In der Hand hält sie Dokumente und einen Zettel, auf dem jemand für sie auf Englisch notiert hat, wer sie ist und wohin sie will. Als ihr Koffer kontrolliert wird, stößt ein Beamter auf das Glas.
Was folgt, ist kein Konflikt im klassischen Sinn. Zwei Wirklichkeiten treffen aufeinander: Der Beamte sieht einen Gegenstand, der laut Vorschrift nicht durch die Kontrolle darf. Valentyna sieht etwas anderes: ein Stück Boden aus ihrer Heimat. Das Einzige, was sie noch besitzt. Sie versucht, es zu erklären, findet die Worte nicht. „Dirt“, sagt sie. Dann „soil“. Vielleicht „land“. Es bleibt bruchstückhaft. Eine falsche Dolmetschsprache wird hinzugezogen, Missverständnisse entstehen.
Der Film von Regisseurin Lada Kopytova dauert nur zwölf Minuten, entfaltet aber auf leise Weise eine ungeheure Wucht. Gezeigt wurde er im Europäischen Parlament, eingebettet in die Ausstellung „Confiscated Memories“, die Gegenstände von Menschen versammelte, die aus der Ukraine fliehen mussten. Auf den Tischen lagen Dinge, die so unscheinbar waren wie das kleine Glas mit Erde: eine Kinderzeichnung, ein abgegriffenes Notizbuch, ein Stück Stoff. Erst beim zweiten Blick wurde deutlich, was diese Dinge bedeuten. Sie standen für Entscheidungen unter Zeitdruck. Für das, was bleibt, wenn nichts mehr selbstverständlich ist.
In der anschließenden Diskussion sprach der ukrainische Botschafter Vsevolod Chentsov über die Dimension der Vertreibung seit Beginn der großangelegten russischen Invasion: Millionen Menschen haben ihr Land verlassen. Viele haben in der Europäischen Union Hilfe und Obhut gefunden. Svitlana Baldina und ihr Sohn Viktor stellten ihr Projekt „Let’s Shake Hands“ vor, das Räume für Kinder schafft, in denen sie den Krieg für eine Weile vergessen. Viktor berichtete stolz, wie er seiner Mutter dabei hilft, das Projekt auch anderen Kindern zugänglich zu machen.
In den Beiträgen kehrte eine Frage immer wieder zurück. Wie lassen sich aus vorübergehenden Lösungen verlässliche Strukturen entwickeln? Aus Bündeln nebeneinanderstehender Maßnahmen solche, die zusammenwirken.
Nathalie Georges von ARTE gab eindringliche Einblicke in die Kriegsberichterstattung. Die Art, wie Bilder und Geschichten erzählt werden, prägt, wie Konflikte wahrgenommen werden – und ob sie im Bewusstsein bleiben.
Was blieb, ließ sich nicht immer erklären. Aber an diesem Abend war spürbar, warum es nicht verloren gehen darf.
