Von Handtaschen, Aufzügen und der europäischen Kraft des Karnevals
Pinkes Krokoleder plumpste auf anthrazitfarbenes Polyester. Ein Reißverschluss ging auf, jemand hob leicht die Augenbraue. Das Band der Sicherheitskontrolle im Europäischen Parlament transportierte an diesem Dienstagnachmittag eine Damenhandtasche, die es locker mit jedem mobilen Maskenbildner-Wagen hätte aufnehmen können: Lippenstifte von außerordentlicher Blendkraft, Pinsel wie fein sortierte Werkzeuge, Farben, die man an diesem Ort sonst eher selten sieht. Ein kurzer Moment gespannter Aufmerksamkeit – dann kollektives Grinsen. Kein gefährliches Mascara, keine verdächtigen Substanzen. Alles gut. Die Handtasche durfte passieren.
Sie markierte den Auftakt eines Tages mit ganz eigener, wunderbarer Dramaturgie. Wenige Minuten später ging es mit dem Aufzug in unser Büro im 15. Stock. Noch war Joachim Jung nicht Lieselotte Lotterlappen. Noch war er unser VIP-Gast, der natürlich eine exklusive Führung bekam. Drei Stunden vergingen mit spannenden Gesprächen, ohne dass jemand auf die Uhr schaute. Dann aber hieß es: Turbo einlegen – ab ins Kostüm.
Gegen 19 Uhr füllte sich der große Saal mit rund 300 Karnevalistinnen und Karnevalisten aus der StädteRegion Aachen, dem Kreis Heinsberg und dem Rhein-Erft-Kreis. Marketenderinnen, Prinzessinnen, Prinzen, Bauern, Hofsänger, Tanzgarden und Tanzmariechen kamen mit „alle Mann vorbei“. Und „weil er Brander“ ist, legte Stadtteilprinz Axel I. mit seinem Sessionssong direkt ordentlich los. Fortan herrschte im Brüsseler „Büdche“ Hochbetrieb: Es gab Brütsche, Frikadellchen, Käsehäppchen „Oecher Puttes“ und Quarkbällchen. Und natürlich durfte auch die „Süggerather Spätlese“ nicht fehlen.
Die Moderation im Wechselspiel mit meinem Kollegen Axel Voss war wieder ein Riesen-Spaß – und die Verleihung des Großen Ordens der Närrischen Europäischen Gemeinschaft eine besondere Ehre.
Viereinhalb Stunden nach der Sicherheitskontrolle verließ Lieselotte Lotterlappen die Bühne unter tosendem Applaus. Mit Herz, Humor und treffsicheren Pointen wurde er zum europäischen Botschafter par excellence. Kolleginnen und Kollegen aus dem Parlament, Besucherinnen und Besucher sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Büros hatten sich ganz selbstverständlich unter das bunte Treiben gemischt. Karneval verbindet – über Grenzen, Sprachen und Nationalitäten hinweg.
Die Handtasche wippte später wieder fröhlich am Arm, ein wenig mitgenommen, wie nach jeder guten Vorstellung. Auf der Rückfahrt nach Limburg tippte der sympathische Künstler einen Post ins Handy. Er schrieb von Begegnungen, von vertrauten Gesichtern, von Gesprächen, die ihn beeindruckt hatten.
Und irgendwo zwischen Sicherheitskontrolle und Karnevalssaal wurde klar: Europa kann auch schunkeln.
